Die Einnahmen aus der Tabaksteuer bleiben im Jahr 2026 deutlich hinter dem Vorjahresniveau zurück. Zugleich plant der Bund mit zusätzlichen Milliarden aus weiteren Steuererhöhungen ab 2027. Der Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE) bezweifelt, dass die Prognosen aufgehen. Für Kioske, Lotto-Annahmestellen und Pressefachgeschäfte stellt sich eine weitere Frage: Welche Auswirkungen haben höhere Tabakpreise auf den legalen Einzelhandel?
Redaktionsstand: 1. November 2026. Anlass ist unter anderem die Berichterstattung der Deutschen Tabakzeitung vom 29. Oktober 2026. Dieser Beitrag ordnet die veröffentlichten Zahlen und politischen Entscheidungen eigenständig aus Handelssicht ein.
Was zeigen die aktuellen Zahlen?
Nach einer Auswertung des BVTE vom 23. Oktober 2026 unter Berufung auf den Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums sanken die Tabaksteuereinnahmen im Zeitraum Januar bis September 2026 auf 11,296 Milliarden Euro. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum waren es rund 12,489 Milliarden Euro. Das entspricht einem Rückgang von ungefähr 1,2 Milliarden Euro beziehungsweise 9,6 Prozent.
Bemerkenswert ist die Entwicklung, weil die Steuer auf Zigaretten bereits zum 1. Januar 2026 angehoben worden war. Die Zahlen beschreiben jedoch zunächst nur das tatsächliche Steueraufkommen. Sie beweisen für sich genommen nicht, dass die Erhöhung den Einnahmerückgang verursacht hat. Auch Absatzentwicklung, Vorrats- und Buchungseffekte oder verändertes Kaufverhalten können eine Rolle spielen.
Warum werden die Steuerprognosen kritisiert?
Der BVTE verweist auf die jüngste Steuerschätzung vom Oktober 2026. Demnach rechnet der Arbeitskreis Steuerschätzungen für das Gesamtjahr 2026 mit 16,34 Milliarden Euro Tabaksteuer. Das sind 550 Millionen Euro weniger als noch in der Schätzung vom Mai. Für die Folgejahre liegen seine Erwartungen laut BVTE jährlich rund 300 Millionen Euro unter den Annahmen des Bundesfinanzministeriums.
Gleichzeitig hat der Bundestag am 15. Oktober 2026 eine weitergehende Erhöhung der Tabaksteuer beschlossen. Durch Änderungen im Finanzausschuss wurden die erwarteten zusätzlichen Steuereinnahmen für 2027 von ursprünglich rund 756 Millionen auf rund 1,5 Milliarden Euro angehoben. Für 2030 werden im geänderten Konzept Mehreinnahmen von rund 4,46 Milliarden Euro jährlich gegenüber dem bisherigen Recht erwartet. Diese Werte beziehen sich auf die Gesetzeskalkulation, nicht auf bereits erzielte Einnahmen.
BVTE-Hauptgeschäftsführer Jan Mücke warnt davor, zukünftige Haushaltseinnahmen zu optimistisch anzusetzen. Der Verband verweist zudem auf ein von DIW Econ erstelltes Gutachten, das für die kumulierten Mehreinnahmen bis 2030 deutlich voneinander abweichende Szenarien aufzeigt. Solche Modellrechnungen sind Prognosen und keine feststehenden Einnahmeausfälle.
Was sagt die Bundesregierung?
Die Bundesregierung verfolgt mit der Tabaksteuererhöhung zwei Ziele: Sie will den Bundeshaushalt konsolidieren und gleichzeitig den Tabakkonsum aus gesundheitspolitischen Gründen verringern. In der Anhörung des Bundestags vom 5. Oktober 2026 verwies unter anderem der AOK-Bundesverband auf die präventive Wirkung höherer Tabaksteuern, insbesondere für junge Menschen.
Damit stehen unterschiedliche Zielgrößen nebeneinander: Höhere Steuersätze sollen zusätzliche Einnahmen ermöglichen, während ein gesundheitspolitisch erwünschter Konsumrückgang die verkaufte Menge verringern kann. Wie sich beides unter dem Strich entwickelt, hängt vom tatsächlichen Verhalten der Verbraucher und der Marktentwicklung ab.
Welche Risiken entstehen für Kioske und Lotto-Annahmestellen?
Für viele inhabergeführte Geschäfte sind Tabakwaren ein wichtiger Bestandteil des Sortiments. Werden Zigaretten, Feinschnitt und andere Produkte teurer, können sich daraus mehrere wirtschaftliche Risiken ergeben:
- Weniger legale Verkäufe: Höhere Endpreise können den Absatz im regulären Handel reduzieren, wenn Verbraucher weniger kaufen oder auf andere Bezugsquellen ausweichen.
- Weniger Zusatzkäufe: Wer für Tabakwaren nicht mehr ins Geschäft kommt, kauft möglicherweise auch keine Getränke, Presseprodukte oder andere Waren des täglichen Bedarfs.
- Mehr Kapitalbindung: Höhere gebundene Warenwerte können die Finanzierung des Lagerbestands erschweren. Die tatsächliche Belastung hängt von den Einkaufs- und Lieferbedingungen ab.
- Unlauterer Wettbewerb: Preisunterschiede zu unversteuerten oder illegal angebotenen Produkten können den legalen Handel zusätzlich unter Druck setzen. Ein kausaler Anstieg des Schwarzmarkts durch die neuen Steuersätze ist damit noch nicht nachgewiesen.
- Mehr Planungsunsicherheit: Betriebe müssen Sortiment, Bestellmengen und Liquidität an verändertes Kaufverhalten anpassen.
Für Lotto-Annahmestellen ist diese Entwicklung besonders relevant, wenn Tabakwaren, Presse, Getränke und Lottoangebote gemeinsam Kundenfrequenz erzeugen. Die Folgen können je nach Standort und Umsatzstruktur unterschiedlich ausfallen.
Was ist für Händler ab 2027 wichtig?
Die neu beschlossenen Steuersätze sollen für Zigaretten, Feinschnitt, erhitzten Tabak und Substitute für Tabakwaren ab dem 1. Januar 2027 gelten. Für Zigarren, Zigarillos sowie Pfeifen- und Wasserpfeifentabak ist nach der parlamentarischen Änderung der 1. März 2027 vorgesehen.
Händler sollten die verbindlichen Preis- und Wareninformationen ihrer Lieferanten beachten, Bestands- und Liquiditätsplanung rechtzeitig überprüfen und keine Preisänderungen allein aus pauschalen Modellrechnungen ableiten. Die Endverkaufspreise werden von den Herstellern beziehungsweise Einführern festgelegt.
Eine ausführlichere Darstellung der Steuererhöhung und ihrer möglichen Folgen bietet unser bereits veröffentlichter Beitrag: Tabaksteuererhöhung ab 2027: Folgen für Lotto-Annahmestellen und Einzelhandel.
Fazit: Steuereinnahmen und Handelsrealität gemeinsam betrachten
Die neuen Einnahmezahlen zeigen, dass hohe Steuersätze nicht automatisch zu einem proportional höheren Steueraufkommen führen. Ob die für 2027 und die Folgejahre erwarteten Mehreinnahmen erreicht werden, lässt sich aus den bisherigen Daten allerdings noch nicht sicher beantworten.
Aus Sicht des HLTV sollten die wirtschaftlichen Folgen für den stationären Einzelhandel bei der Bewertung der Tabaksteuerpolitik ausdrücklich berücksichtigt werden. Dazu gehören die Entwicklung des legalen Absatzes, mögliche Verlagerungen in nicht reguläre Vertriebskanäle und die Bedeutung der Tabakwaren für Kundenfrequenz und Zusatzumsätze in kleinen Geschäften.
Für die Politik ist entscheidend, Einnahmeprognosen, Gesundheitsziele und die Auswirkungen auf den legalen Handel anhand überprüfbarer Daten regelmäßig neu zu bewerten.
Quellen und weiterführende Informationen
- Deutsche Tabakzeitung: „Steuern: Unrealistische Erwartungen“, 29. Oktober 2026 (Berichterstattungsanlass)
- BVTE: Einnahmeerwartungen bei der Tabaksteuer geraten unter Druck, 23. Oktober 2026
- Bundesfinanzministerium: Monatsbericht Oktober 2026
- Deutscher Bundestag: Beschluss und Änderungen zur Tabaksteuer, 15. Oktober 2026
- Bundesfinanzministerium: Fragen und Antworten zur Änderung des Tabaksteuergesetzes (Hinweis: FAQ zum ursprünglichen Regierungsentwurf)
Redaktioneller Hinweis: Die dargestellten Prognosen sind Schätzungen und keine gesicherten zukünftigen Steuererträge. Positionen von BVTE und Bundesregierung sind entsprechend zugeordnet. Der Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Steuer-, Rechts- oder Kaufberatung dar.
